Santiago,
warum werden Narcos eigentlich verehrt?
Liegt es daran, dass sie für viele zur Inkarnation des max. "Erreichbaren" werden?
JustNow,
natuerlich spielt das auch eine Rolle dabei. Aermere Jungs, hauptsaechlich im noerdlichen Sinaloa, dort wo die Narcos urspruenglich herkommen, fallen voll in diese Anziehungskraft rein. Es gibt ja genuegend Beispiele. Vom armen Marihuana Bauern oder kleinem Dorf Polizisten der innerhalb von 20 Jahren nach "ganz oben" kam u. Wochen Bruttoverdienste bis zu 200 Millionen Dollars hat. Da fehlt es natuerlich nicht an Nachwuchs. Nur dass von 10.000 Neu-Narcos nur einer an diese Spitze kommt, bedenken sie nicht - oder es ist ihnen letztendlich egal. Die Mentalitaet dieser "mehr einfacheren Mexicaner" spielt dabei auch eine grosse Rolle. Man glaubt ja an "Destino". Alles wird von Gott gelenkt, wenn man Gott um etwas bittet, benuetzt man eine Fuersprecherin, die Heilige Jungrau, in Mexico ist es die Virgen de Guadalupe. In dem speziellen Fall Narco bittet man sie, einem Reichtum zu schenken u. einem so lang wie moeglich das Leben zu erhalten. Der Reichtum ist relativ, wer kommt schon an die Spitze eines Kartells, die meisten bleiben Fuss-Soldaten. Aber selbst ein Fuss Soldat, der in seinem Dorf, wenns hochging, vielleicht 500 Dollars im Monat hatte u. einen alten klapprigen Nissan Pickup, hat ploetzlich als
Burro (Schmuggler),
Pistolero (Killer) oder
Guarura (Leibwaechter eines Unter-Capos) ploetzlich 10.000 Dollars im Monat, ein Quantensprung in seinem Leben. Gespart davon wird nichts, man weiss ja, dass jeder Tag der letzte im Leben sein kann, dafuer wird das Leben "voll genossen". Statt den alten Nissan Truck hat er jetzt Corvette oder Hummer, statt Sandalen hat er jetzt Cowboy Boots aus Krokodil Leder, Hemden von Versace, den Rest gibt er fuer Weiber, Whisky u. Kokain aus. Der Feind sitzt ja nicht nur in der Regierung, es gibt hier ja 4 grosse Kartelle, die sich bis aufs Blut verfeindet sind u. taeglich Massaker liefern (Kopefe abschneiden u. das Haupt dem Feind per FEDEX zuschicken ist momentan die Mode) Und da er nicht "so leicht" sterben will, hat er seine AK-47 immer durchgeladen im Auto, oder seine 9 mm Pistole immer im Hosenbund. Darum soviele sinnlose Massaker, ein Polizeiwagen will ihn aufhalten, weil er zu schnell dran war, zwei tote Polizisten blieben auf der Strecke....
Die andere "Sympathie fuer Narcos" hat tiefere Gruende. Hier in Mexico hatte (u. hat immer noch) das Volk so gut wie kein Vertrauen zur Regierung. Die luegen, stehlen, u. sperren Unschuldige ein, heisst es im Volksmund. Naja, so unrecht hat da der Voklsmund nicht, wenigstens die breiten Massen des Volks. Fuer die Mittelklasse geht es zwar besser (bald ein posting davon) aber die "armen Schweine" zahlen immer die Rechnung. Von dieser Seite herrscht auch Bewunderung fuer die Narcos. Beispiel: Momentan herrscht Krieg in Mexico, Regierung - Narcos. Mit dem Militaer hier war noch nie gut Kirschen essen. Beispiel: Vor etwa zwei Wochen in einem Dorf Bordell im Norden. Ein besoffener Soldat machte dort Stress u. wurde deswegen von "Besuchern" verpruegelt u. rausgeworfen. Daraufhin kam ein ganzer Zug von 20 Soldaten zurueck, eine Massenvergewaltigung begann, 14 Frauen wurden die Opfer, mit dabei ein Oberst. Nichts geschah, das Militaer ist fuer die Justiz tabu. Die Sache ging durch die Presse, die Leute hier waren sehr "indignado". Auf der anderen Seite: Im Bundesland Michoacan gab es eine grosse Strassensperre von Militaers. Den Narcos missfiel das, Narco Pistoleros griffen die Soldaten mit Bazookas, Handgranaten u. Schnellfeuer Gewehren an, 11 Soldaten tot. "Das Volk" klatschte insgeheim Beifall....
"Den Narco kann man hier hier nicht gewinnen", heisst es. Die Regierung z.B. gruendete eine Spezial Einheit des Militaers, ein Batallion genannt "Zetas", wurden nach USA geschickt nach Fort Bragg, bekamen dort eine Spezial Ausbildung der U.S. Rangers. Und wurden GUT bezahlt, 3,000 Dollars monatlich jeder Soldat. Kamen die Narcos, "drehten" die Militaers um, es heisst den Offizieren wurden monalich 30.000 Dollars angeboten, den Mannschaftsgraden 20.000 monatlich. Das ganze Batallion lief fast komplett ueber, ein paar, die nicht wollten, fielen Anschlaegen zum Opfer. (die "Narco Politik" heisst "Plata o Plomo" = willst Du nicht mein Silber, gebe ich Dir Blei...) jetzt haben die Narcos "Spezial Einheiten" von USA ausgebildet ...
Und natuerlich noch andere Spezialisten aus Universitaeten. Economisten, Profis im Bankkwesen, welche die Gewinne auf Banken der ganzen Welt verteilen... oder wieder in Mexcio z. B. in Luxus Resorts oder Hotels investieren (Narcos haben das Tourismus Geschaeft entdeckt)
Aber die grossen Capos sind eigentlich das geblieben, was sie schon immer waren - religioes (man macht auch immer noch das Kreuzzeichen, wenn man jemanden umlegt). In der Narco Hochburg Culiacán hat man extra seinen Heiligen...
aus der SZ:
Millionen werden hier umgesetzt, Tausende umgebracht. In einem Landstrich, in dem Polizeichefs zu Paten werden, zeigt man alles, nur keine Angst. Eine Pilgerfahrt zu einem Ganovengrab in der Rauschgift-Metropole Culiacán.
Von Peter Burghardt
Culiacán, im Juli - Der Heiland der Drogenbarone empfängt zu jeder Stunde, aber Fremde besuchen ihn besser bei Tageslicht. Das ist beeindruckend genug. An einem schwülen Sommertag um kurz vor zwölf füllt eine interessante Gemeinde die Kapelle von Culiacán im wilden Nordwesten Mexikos.
Die Sonne steht senkrecht, der Wind ist wie ein heißer Föhn. Die Männer tragen breitkrempige Sombreros, Cowboystiefel aus dem Leder von Schlangen oder Straußen, schwere Goldketten. Manche haben trotz der Hitze Jacketts an oder Westen, darunter verbergen sich gewöhnlich automatische Waffen.
Maschinenpistolen vom Typ AK-47 werden in dieser Szene Cuernos de Chivo genannt, Ziegenhörner. Draußen parken Geländewagen mit dunklen Scheiben. Es spielt ein Orchester. Die Versammlung huldigt Jesús Malverde, ihrem Helfer und Beschützer.
Der Robin Hood trägt hier Scheitel und Schnurrbart
Malverde war laut Legende ein Dieb aus dem 19. Jahrhundert, so edel wie Robin Hood. Bilder, Figuren und Schlüsselanhänger an den Souvenirständen zeigen ihn mit schwarzem Scheitel und feinem Schnurrbart. Gemäß der Überlieferung bestahl der soziale Delinquent die Reichen für die Armen, bis ihn ein Kopfgeldjäger anschoss.
Verblutend schleppte er sich an diese Stelle, wo ihn der Gouverneur aufhängen ließ. "Geboren 1870, gestorben am 3. Mai 1909", steht am Kreuz, sein Todestag wird im Bundesstaat Sinaloa gefeiert wie Ostern. Erst war hier nur ein Grab, dann machte ihn die Mafia zu ihrem Heiligen. Inzwischen wuchs das Ehrenmal zum überdachten Wallfahrtsort, gegenüber vom McDonald's.
"Danke Gott und Malverde für die Gefälligkeit", steht auf Fotos und Plaketten, dazu Namen der berüchtigsten Rauschgiftdynastien Mexikos. Familie Carrillo. Familie Félix. Familie Beltrán. Familie Gallardo. Familie Guzmán.
Guter Stoff fürs Liedgut
Musiker werden dafür bezahlt, Drogenhändler in der Jesús-Malverde-Kapelle zu besingen.
Die meisten ihrer Anführer werden mit internationalen Haftbefehlen gesucht, oder sie sitzen im Gefängnis, oder wurden ermordet. Das klassische Ende in diesen Kreisen. Aber ihre Sippen häuften Vermögen an. Eine eiserne Tafel hat die Form eines Lkws, darauf ist zu lesen: "Gott segne meinen Lastwagen - Danke, Malverde, mir diesen Wunsch gewährt zu haben."
Offenbar gelangte eine Ladung Kokain oder Marihuana ungestört in die USA. Vor dem Schrein des Beschützers Malverde singt jetzt eine Combo mit Gitarren, Akkordeon und Trompeten schaurigschöne Lieder, Narcocorridos. Für 6000 Pesos die Stunde, 400 Euro, tragen die Musikanten Eigenkompositionen für ihre Auftraggeber vor oder Stücke von Idolen wie den Tigres del Norte. "Die Reifen des Autos waren voller Stoff", heißt es in dem Klassiker "Contrabando y Traición", Schmuggel und Verrat.
"Mich fasziniert das", sagt Élmer Mendoza leise und nippt am Espresso. Den Schriftsteller Mendoza, 59 Jahre alt, trifft man in einem unauffälligen Café im Wohngebiet von Culiacán, im Dunstkreis von Malverde können Fragen ungemütlich werden.
Herr, lass die Drogen blühen
Mendoza selbst geht gerne bei Mondschein zum Schrein und hat auch mal erlebt, wie vor der Kultstätte ein Hubschrauber landete. Ein Gläubiger samt Leibgarde stieg aus, machte dem Schutzherrn seine Aufwartung und flog wieder ab.
Élmer Mendoza sieht die kleineren und größeren Ganoven mit ihren Versace-Hemden auch nachts in den schummrigen Bars, wie sie teuren Whiskey und Tequila bestellen, flaschenweise. Man zeigt alles, nur keine Angst. "Witzig und bedrohlich", findet Mendoza das. "Die wissen, dass sie die Macht haben."
Der Autor liebt seine Heimat
So weit kann es kommen, wenn das organisierte Verbrechen zum System wird. Dann ist der Schrecken auch Folklore, Kultur, Religion.
Der Autor liebt seine Heimat, trotz der Exekutionen und Schießereien. Sie ist die Bühne für seine Kriminalromane, "Einsamer Mörder" heißt einer. Auch in seiner Literaturwerkstatt widmen sich die Schüler hauptsächlich diesem Thema, das Mexiko durchdringt wie ein Geschwür.
Élmer Mendoza beriet außerdem den spanischen Erfolgsschreiber Javier Pérez Reverte, dessen Bestseller "Königin des Südens" die Karriere einer Schmugglerin aus Culiacán erzählt. Mendozas nächstes Buch trägt den Titel "Willst du ewig leben", es beginnt in diesem Lokal und handelt von Korruption, Polizisten, Drogendealern. "Vielleicht trinkt da hinten einer von denen Kaffee", sagt er, die Tische im Eck sind besetzt, "und abends bringt er jemanden um."
Rauschmittel und ihre Folgen prägen die Region seit 100 Jahren. In den USA waren Opium, Heroin und Marihuana bald verboten, so wurden immer mehr Mohn und Cannabis gesät. Im Zweiten Weltkrieg wuchs der Bedarf für die amerikanischen Soldaten, das Geschäft blühte, später wurde der Handel erweitert durch Kokain aus Kolumbien.
Inzwischen dominieren mexikanische Verteiler den Kokain-Markt, ungebildete Söhne aus dem Gebirge wurden zu Großexporteuren. Viele von ihnen hat das sagenhaft reich gemacht. Und viele von ihnen wurden grausam getötet. In den vergangenen zehn Jahren wurden allein in Sinaloa mit seinen 2,5 Millionen Einwohnern mehr als 7000 Morde registriert.
Eine der mächtigsten Banden der Erde
Das Kartell von Sinaloa und seine Verbündeten sind eine der mächtigsten Banden der Erde. "Der Drogenhandel ist Teil unserer Umgebung, unserer Landschaft, unserer Erinnerung", sagt Élmer Mendoza, es klingt frustriert und bewundernd zugleich. "Die größten Capos Mexikos sind hier geboren."
Was für Geschichten. Der Clan der Carrillo Fuentes stammt aus der Umgebung, einst waren sie Bauern. Amado Carrillo Fuentes schuf das Kartell von Juárez und trug in den Neunzigern den Künstlernamen "El Señor de los Cielos"- der Herr der Lüfte. Er transportierte seine Ware in einer eigenen Flotte von mehreren Boeing 727 und galt als Nachfolger des Kolumbianers Pablo Escobar.
Carrillo Fuentes soll viermal so viel Kokain über die US-Grenze geschafft haben wie jeder andere. Gemäß der amerikanischen Antidrogenbehörde DEA verdiente er in seiner besten Zeit 200 Millionen Dollar - in der Woche. Zehn Prozent investierte er in die Bestechung von Politikern, Richtern, Polizisten. Zu seinem Schmuck gehörte ein goldener, mit Brillanten besetzter Anhänger in Form einer Kalaschnikow.
Seine letzte Stunde schlug angeblich am 4. Juli 1997 auf einem Operationstisch in Mexiko-Stadt, als er sich das Antlitz verfremden lassen wollte. Seine vermeintliche Leiche ruht in seinem Geburtsort Guamachilito nahe Culiacán in einem Marmorpalast.
Aber viele Mexikaner glauben, der sagenumwobene Amado sei noch unter den Lebenden, mit neuer Identität und neuem Gesicht. Offiziell übernahm das Kommando erst sein Bruder Rudolfo, vormals Polizeichef und ebenfalls Jünger Malverdes.
Er wurde am 11. September 2004 auf einem Parkplatz in Culiacán durchsiebt, von 500 Kugeln. Es folgte Bruder Vicente. "Bewaffnet & gefährlich, reist gelegentlich nach El Paso, Texas", steht auf dem US-Steckbrief. Belohnung fünf Millionen Dollar.
Die gleiche Summe ist auf Joaquín Guzmán ausgesetzt, genannt "El Chapo". Auch er kommt aus dieser Gegend. Guzmán floh am 19. Januar 2001 aus dem Hochsicherheitsgefängnis Puente Grande von Jalisco. Es wird berichtet, er habe dabei sieben Panzertüren überwunden. Man erzählt sich, kurz danach seien in Culiacán CDs mit Liedern zu seiner Flucht verkauft worden, Narcocorridos.
Drei Monate später war der weltweit gesuchte Drogenboss Trauzeuge bei einer Hochzeit. Wenn er in einem Restaurant essen ging, sammelten seine Leibwächter die Handys der übrigen Gäste ein. "Wir sind Zuschauer, wir legen uns nicht mit ihnen an", sagt Mendoza. "Die verzeihen nichts."
Zuletzt war wieder Krieg
Zuletzt war wieder Krieg zwischen den Kartellen von Sinaloa, Tijuana, Juárez und dem Golf von Mexiko. Die einen beschäftigen Jugendliche aus den Slums als Söldner, die anderen eine vormalige Eliteeinheit der Armee. Mexikos Präsident Felipe Calderón schickte 9000 Soldaten.
Sie patrouillieren auch in Culiacán und dem zerklüfteten Hinterland. Das Ergebnis waren noch mehr Tote, unter ihnen Unbeteiligte. Vor kurzem wurde eine Familie mit drei kleinen Kindern an einer Straßensperre erschossen. Zeitungen melden die Opferzahlen wie Börsenkurse, 2007 waren es bisher landesweit 1500. Kein wichtiger Pate wurde in Culiacán verhaftet.
Einzig die Preise sollen wegen der Militärpräsenz steigen, und auf dem Schwarzmarkt in der Calle Juárez sollen die Dollarbündel knapp werden.
Besucher kommen sich in dieser Stadt vor wie im Film. Am schicken Flughafen wartet eine Staffel von Cessnas, es gibt diverse Flugschulen, die Branche braucht Nachwuchs. Vor der Tür fahren die tollsten Autos vorbei. Besonders beliebt sind die für amerikanische Bodentruppen entwickelten Modelle vom Typ Hummer, auch in der langgezogenen Version nach Art von Hollywood.
Teller voller Kokain
Bei Kindergeburtstagen holen manchmal solch rollende Festungen die Kleinen ab, für die Großen gibt es bei Partys Teller voller Kokain. Heißt es. "Diese Leute wissen, dass sie früh sterben werden", sagt Élmer Mendoza, "also leben sie schneller."
Die wenigen Touristen, die es hierher verschlägt, staunen über Villen mit gigantischen Mauern, über Kameras und gemeißelte Löwen. Das Volk nennt den Stil Narco-Architektur, Monumente des schlechten Geschmacks. In modernen Wohnanlagen, Luxushotels, Spielsalons, Diskotheken und Einkaufszentren werden Hunderte Millionen Dollar gewaschen, angeblich sogar in Tankstellen und Molkereien.
An der Universität von Culiacán belegen Tausende Studenten das Fach Rechnungswesen. Dabei gibt es dafür viel zu wenig legale Jobs, auch wenn der Gemüseexport boomt. Aber das ist für die Bilanz nachrangig. "Unsere Wirtschaft ist abhängig vom Rauschgift", sagt Mendoza. "Nicht nur in dieser Stadt."
In einem fensterlosen Raum ballt ein bärtiger Mann mit Stirnglatze und kräftigen Händen die Faust, die Klimaanlage surrt. "Wir sind ein Labor für die größte Bedrohung des Landes", sagt Manuel Clouthier, Direktor der Zeitung Noreste und nebenberuflich Landwirt. "Die Drogenmafia ist ein Monster mit tausend Köpfen."
Täglich berichtet sein Blatt von Kopfschüssen und Leichen. Clouthier hat keinen Zweifel daran, dass die Regionalregierung von Sinaloa mit den Kartellen kooperiert, immer wieder stehen mexikanische Politiker unter Verdacht. "Das sind Komplizen, das ist Narco-Politik." Einmal fragte einer seiner Redakteure den Gouverneur aus der von Skandalen erschütterten Revolutionspartei PRI, ob wirklich 60 Prozent der Wirtschaft von Sinaloa mit Drogen zu tun hätten. Der Gouverneur lachte und antwortete: "Es ist mehr."
Clouthier zitiert den ehemaligen Bürgermeister von Palermo, Leoluca Orlando. "Die Mafia ist präsent, und obwohl wir ihr noch nicht den Gnadenschuss gegeben haben, ist die Organisation tot", schrieb Orlando. "Sie starb in dem Moment, als wir sie aus dem politischen System entfernt haben."
"Wir werden einen hohen Preis dafür bezahlen"
Clouthier macht eine Pause und sagt: "In Mexiko sind wir genau auf dem umgekehrten Weg unterwegs, wir werden einen hohen Preis dafür bezahlen." Unternehmern hat er einen Aufruf zur Gegenwehr geschickt. Kaum einer reagierte. Wer legt sich schon mit Politik, Polizei und Killern an, wenn so viel Geld in die Stadt kommt?
Hinter Clouthier hängt ein Bild seines Vaters, einst Präsidentschaftskandidat der konservativen Partei PAN, die seit 2000 den mexikanischen Staatschef stellt. Er kam bei einem rätselhaften Autounfall um. Clouthiers Mitarbeiter riskieren ebenfalls ihr Leben, manche Medien recherchieren angesichts der Gefahr kaum mehr. Laut der Vereinigung Reporter ohne Grenzen ist für Journalisten nur der Irak gefährlicher als Mexiko.
Zuweilen denkt Manuel Clouthier, "wir verlieren diese Schlacht". Aber weg will er nicht. "Ich bin hier geboren und werde hier sterben, ich habe meine Urne schon gekauft." Man müsse den Kriminellen widerstehen. Es gebe ja Ansätze, wie diese Ausstellung, "die Rosi hat Mut".
Und Batman wacht
Rosa Maria Robles vergoss ihr Blut, mindestens einen halben Liter. Ein Video in Endlosschleife zeigt, wie es unter ärztlicher Aufsicht aus den Pulsadern in einen Topf tropft und dann auf die weiße Bettdecke. "Alfombra roja" ist das Motto der Aktion im Kunstmuseum von Culiacán: "roter Teppich".
Zunächst hatte die Bildhauerin Robles blutverschmierte Kleider von echten Opfern ausgelegt, von der Empore über die Treppe hinab bis an die Eingangstür. Dann kam die Staatsanwaltschaft und nahm die Leichentücher mit, Beweismaterial.
Das verschaffte ihr erst recht Aufmerksamkeit. Ersatzweise schockiert Rosa Maria Robles nun mit eigenen Blutspuren. "Ich habe die Drogengewalt wie Muttermilch aufgesogen", sagt sie, "ich musste etwas tun, zum Nachdenken anregen."
Dazu baumeln Flaggen aus Dollarscheinen von der Decke. Außerdem hat sie ihr skurriles Programm "Navajas" (Messer) aufgebaut, mit einem Fallbeil über einer Wiege, Polizeiberichten aus der Zeitung Noreste als Tischdecke und Augen von Straußen in Eierbechern.
Die Tiere sind ihr Symbol für den demonstrativen Luxus der Rauschgiftszene - und für ein Publikum, das wegschaut. "Die Narcos haben die ganze Gesellschaft durchdrungen", sagt sie, "sie sind da, wo du sie am wenigsten erwartest."
Der Friedhof Jardínes del Humaya liegt am Stadtrand. "Unglaubliche Gräber", sagt Élmer Mendoza, die auffälligsten sind groß wie kleine Kirchen. Eine Kuppel ist schwarz-gelb bemalt, mit dem Batman-Logo, den Auftrag gab ein Drogenkönig namens Batman Güemes. In einem anderen Pantheon mit Marmorsäulen sind Fresken von einer Frau und zwei Kindern zu erkennen.
Bauherr ist ein Capo mit Spitznamen El Güero Palma, ein Rivale hatte ihm die Köpfe seiner entführten Familie zugeschickt. Über den Kiesweg rollt ein verspiegelter Wagen, auf dem Nummernschild steht "VIP". Wer hier groß baut, dem hat der heilige Jesús Malverde viele Wünsche erfüllt, aber irgendwann konnte er nicht mehr helfen.
Quelle:
http://www.sueddeutsche.de/panorama/artikel/116/125924/